• 02401 6949932
  • post@paul-heesel.de

Tag Archives: Bistum Aachen

Gemeindereferentin Renate Heyman, Berufungspastoral im Bistum Aachen, Foto: Paul Heesel

So leben, wie Gott mich geträumt hat

Paul Heesel Keine Kommentare

„Die Visionauten“ ist ein erstes Projekt des neuen Teams der Berufungspastoral im Bistum Aachen, das zehn jungen Menschen nach dem Schulabschluss helfen kann, ihre Berufung zu finden. Sie leisten ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), leben in zwei christlichen Wohngemeinschaften (WG) und werden vom Team der Berufungspastoral, Domvikar Matthias Fritz, Gemeindereferentin Renate Heyman und Pastoralreferent Christian Schröder begleitet. Renate Heyman berichtet im Gespräch mit der KirchenZeitung von dem innovativen Projekt.

Ist das Visionauten-Jahr eine Maßnahme gegen den Priestermangel?

Dieser Ansatz setzt weiter an. Wir sind der Überzeugung, dass jeder Mensch einen Ruf von Gott hat. Wir wollen dazu beitragen, dem auf die Spur zu kommen. Darum begleiten wir in diesem Projekt junge Menschen in der Grundfrage nach ihrer Berufung. Die je eigene Berufung als Christin oder Christ in der Welt zu erspüren, sich ihrer zu vergewissern und auf diesem Weg Schritte zu gehen, ist das Ziel dieses Jahres. Eine Frucht können engagierte und selbstbewusste Christen in Gesellschaft und Kirche sein. Eine Berufung zum Priester, zum Ordensleben oder zu einem anderen seelsorglichen Beruf kann sich dabei abzeichnen, wenn es der eigenen Berufung entspricht.

Warum verfolgen Sie so einen weiten Ansatz?

Wir glauben, dass heute überall Menschen gebraucht werden, die mit der Überzeugung in die Welt gehen: Ich habe von Gott etwas mitbekommen für mein Leben und damit kann ich die Welt ein Stück besser machen, egal an welcher Stelle. Das soll beruflich auch gerne in Kirche sein, muss aber nicht.

Was sollten Visionauten mitbringen?

Eine Vision oder großes Interesse daran, eine Vision für Leben und Beruf zu entwickeln. Ein Visionaut hat die Schule abgeschlossen und verpflichtet sich, ein Freiwilliges Soziales Jahr abzuleisten, das eine besondere Herausforderung birgt. Er soll an seinem Arbeitsplatz visionautisch werden, sich mit seiner Wahrnehmung und seinen Fähigkeiten einbringen, herausfinden, was man verbessern könnte und eine eigene innovative Idee umsetzen.

Ist das nicht sehr anspruchsvoll?

Die Visionauten müssen ihr Arbeitsfeld nicht komplett verändern, sondern an einer Stelle etwas Eigenes umsetzen. Dazu bieten wir zwei Schulungswochenenden an, zusätzlich zu den Schulungen im Rahmen des FSJ. Sie sind also nicht auf sich allein gestellt.

Müssen die Visionauten katholisch sein?

Nein. Sie müssen aber klar haben, dass das ein Angebot der katholischen Kirche ist und dass wir sie mit unseren Werten begleiten. Das zweite Standbein neben dem FSJ ist ja die Wohngemeinschaft. Die Visionauten leben in zwei christlichen WG, wo sie miteinander herausfinden, was ihr Christsein für ihr Zusammenleben konkret bedeutet. Das kann genau so gut ein evangelischer Christ machen. Und letztlich: Wenn ein Ungetaufter brennend am Visionauten-Jahr interessiert ist, da wären wir doch dumm, wenn wir den nicht nehmen würden. Das wäre doch missionarisch.

Hat jeder Mensch eine besondere Berufung?

Ja, und jeder Mensch kann seine besondere Berufung herausfinden. Das setzt voraus, dass er an Gott glaubt, dass er glaubt, dass Gott ihm dieses Leben geschenkt hat, so wie es ist; mit dem Potenzial, etwas Tolles daraus zu machen. Wenn diese Grundannahmen da sind, wenn dann noch – wie für die Visionauten – Menschen da sind, die helfen und ein Umfeld zum Ausprobieren zur Verfügung stellen, dann kann ich mir selbst immer näher kommen, so wie Gott mich mal geträumt hat.

Was zeichnet Ihre Zielgruppe aus?

Das sind junge Menschen in einer Umbruchphase, wo Lebensentscheidungen getroffen werden: Was mache ich mit meinem Leben? Welchen Beruf ergreife ich? Welche Werte sind mir wichtig? Spielt es für mich eine Rolle, dass ich getauft bin? Kann ich mir ein berufliches Handeln in der Kirche vorstellen? Es werden wohl Menschen sein, die kirchlich affin sind, hoffentlich nicht nur aus dem inneren Kreis. Wir haben sehr viele Multiplikatoren in Schule, Jugendarbeit und Gemeinden angesprochen, um für unser Projekt zu werben.

Wie begleiten Sie die WGs?

Wir werden uns in regelmäßigen Abständen mit den Bewohnern treffen und verschiedene Themen bearbeiten. Da wird es sicherlich auch um das konkrete Zusammenleben in der WG gehen und um die Erfahrungen im FSJ. Da werden auch gesellschaftspolitische Themen besprochen und gefragt, wie wir als Christen dazu stehen. Und es geht um spirituelle Begleitung. Jeder Visionaut wählt zudem aus dem Team einen Mentor aus, mit dem er persönlich seine Erfahrungen und Fragen besprechen kann.

Was machen Sie, wenn Sie 20 Bewerbungen bekommen?

Wir entscheiden in der Reihenfolge des Eingangs der Bewerbungen, ob wir den Menschen als Visionauten für geeignet halten. Dann bekommt sie oder er von uns die Zusage. Wenn alle Plätze besetzt sind, dann ist Schluss für dieses Jahr.

Wann wird das Projekt für Sie erfolgreich sein?

Wenn wir 2017 zehn Visionauten gehabt haben und zehn junge Menschen uns hinterher sagen: Mensch, super, das hat mir gut getan und geholfen.

Und Sie sind nicht enttäuscht, wenn keiner beruflich in der katholischen Kirche landet?

Nein. Ich weiß, dass das wünschenswert wäre. Das ist mir klar. Aber dieses Projekt hat einen anderen Ansatz. Es hat das Ziel, Kirche erfahrbar zu machen, als Partner, um sich des eigenen Weges vergewissern zu können. Und zwar ganz offen. Wenn wir das nicht ganz offen machen würden, könnten wir es knicken.

Wie kommt es, dass das Bistum da so fortschrittlich ist?

Es zeichnet das kleine Bistum Aachen aus, dass vieles möglich ist. Hier wird deutlich wahrgenommen, dass Kirche – um es vorsichtig zu sagen – ein Vermittlungsproblem hat; ein Problem, Menschen zu erreichen. Dabei ist es doch die Kernaufgabe von Kirche, Menschen zu begleiten. Das Bistum möchte sicherlich auch etwas gegen die große Personalnot tun. Wir müssen als Kirche innovativ unterwegs sein. Die Welt ist so innovativ; wenn wir weiter in Berührung mit den Menschen in der Welt sein wollen, dann geht das nur, indem wir uns öffnen und entwickeln, Freude am Ausprobieren haben und dabei auch Fehler machen dürfen.

Wann und wie kann man sich als Visionaut bewerben?

Ab sofort. Alle Informationen findet man unter www.die-visionauten.de.

Das Gespräch führte Paul Heesel. Es ist am 3. April 2016 in der KirchenZeitung für das Bistum Aachen erschienen.

1