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Texte und Fotos

Beratung bei der Caritas Aachen für Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe, Foto Paul Heesel

Hilfe für die Helfenden

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Flüchtlinge in existenzieller Not zu begegnen, von ihren schrecklichen Erlebnissen zu hören und ihnen nicht immer so helfen zu können, wie sie das erhoffen, kann belastend sein. Heidi Baumsteiger bietet beim regionalen Caritasverband in Aachen Beratung für die Helfenden an und berichtet im Gespräch mit Paul Heesel von ihren Erfahrungen.

Warum bietet die Caritas diese Sprechstunde an?

Viele Helfende werden mit schlimmen Dingen konfrontiert. Da kommen Menschen, die nicht mehr besitzen als einen Koffer. Viele Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt und erzählen es. Das kann nicht jeder verarbeiten. Damit wollen wir die Ehrenamtlichen nicht alleine lassen.

Warum engagieren sich so viele Menschen für Flüchtlinge?

Sie sind berührt von den Bildern in den Medien, von der Hilflosigkeit und Schutzlosigkeit, in die Menschen schuldlos geraten sind. Manche suchen Nähe und wollen vielleicht die Rolle der Oma, der Tante oder des Onkels einnehmen. Manchmal hat das etwas sehr Behütendes. Und irgendwie ist Engagement für Flüchtlinge einfach gemeinschaftsstiftend und bereichernd.

Was macht die Arbeit mit Flüchtlingen schwierig?

Ihre Kultur ist uns fremd. Es kommt zu Verletzungen und Verärgerung, wenn Flüchtlinge sich anders verhalten, als die Helfer erwarten. Schwierig ist auch, wenn man weiß, dass sie keine Bleibe-Perspektive haben, und ihre Angst und Verunsicherung miterlebt. Flüchtlingsarbeit hat viel mit Abschiednehmen zu tun. Wer als Helfer selbst viele Abschiede und Brüche in seinem Leben erlebt hat, wird auch damit nochmal konfrontiert.

Sollte man Flüchtlingen beim Asylverfahren helfen?

Rechtliche Fragen muss man den Profis überlassen, zum Beispiel dem Café Zuflucht in Aachen. Asylverfahren sind sehr kompliziert. Halbwissen aus dem Internet kann Flüchtlinge in zusätzliche Schwierigkeiten bringen.

Was raten Sie Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren wollen?

Helfer sollten auch gut auf sich selbst aufpassen. Wer sich einen Abend pro Woche für zwei Stunden engagieren möchte, der darf nicht drei Abende daraus werden lassen. Man muss mit den schrecklichen Erlebnissen, die Flüchtlinge erzählen, umgehen können.

Wie sollte man Flüchtlingen begegnen?

Mit Respekt. Und man sollte ihre Stärken und Ressourcen sehen. Die bedürftige Lage, in der sie im Moment sind, verleitet dazu, sie selbst als rundum bedürftig wahrzunehmen. Das sind sie nicht. Wer von Mali nach Deutschland flüchten konnte, findet in Aachen auch alleine den Weg zum Sozialamt.

Was macht Helfenden besondere Freude?

Dass sie ganz große Dankbarkeit und Offenheit bei den Flüchtlingen erleben und bei den Allermeisten eine unglaubliche Motivation, diese nicht gerade einfache deutsche Sprache zu lernen und unser Land kennenzulernen.

Wie geht es Ihnen als Helferin für die Helfer?

Es ist sehr viel Arbeit, aber ich lerne unglaublich viele freundliche, offene, hilfsbereite und liebenswerte Menschen unter den Helfern kennen. Das motiviert mich sehr.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Die Flüchtlingsfrage wird uns noch lange begleiten. Wir müssen Wege für die Integration der Menschen finden und gehen. Die anderen sozialen Fragen dürfen wir dabei aber nicht aus dem Blick verlieren.

Das Gespräch führte Paul Heesel.

Offene Sprechstunde für Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe in Aachen

Die offene Sprechstunde für Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe findet donnerstags von 14 bis 16 Uhr in der Scheibenstraße 16, Aachen, statt. Man kann ohne Anmeldung vorbeikommen oder unter der Rufnummer 02 41/9 49 27 20 eine Beraterin erreichen.

Das Gespräch erschien am 6. März 2016 in der Ausgabe 10/2016 der KirchenZeitung für das Bistum Aachen.

Prof. Dr. Ulrich Lüke in der Sakristei, Foto: Paul Heesel

Das zieht einem doch die Socken aus

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Als in seiner GdG erwogen wurde, Gottesdienste zu streichen wegen der damit verbundenen Kosten für Küster, Organist und Reinigung, platzte Ulrich Lüke der Kragen. Er ist Theologieprofessor an der Technischen Hochschule in Aachen und Subsidiar in der GdG Kornelimünster/ Roetgen. Lüke fordert Gottesdienste mit mehr existenzieller, spiritueller und theologischer Tiefe. Die KirchenZeitung hat mit ihm darüber gesprochen.

Warum sind Sie gegen die Streichung schlecht besuchter Werktagsgottesdienste?

Der Gottesdienst ist unser Kernstück. Das Streichen der letzten Werktagsmessen ist spirituelle Magersucht. Das endet tödlich. Irgendwann wird dann in einer Kirche aus Kostengründen auch noch der letzte Sonntagsgottesdienst gestrichen, weil er angeblich schlecht besucht ist. Das habe ich auch bei einer Predigt gesagt. An den überwältigenden Reaktionen habe ich gemerkt: Den Menschen bedeutet ihre Kirche etwas, sie wollen nicht, dass die Hauptamtlichen ihnen die Kirche dichtmachen.

Prof. Dr. Ulrich Lüke in der Sakristei, Foto: Paul Heesel

Ulrich Lüke, Theologieprofessor an der RWTH Aachen University und Subsidiar in der GdG Kornelimünster/ Roetgen in der Sakristei von St. Kornelius, Foto: Paul Heesel

Aber sind die Hauptamtlichen nicht sowieso überlastet?

Das glaube ich nicht. Wir haben nicht weniger Seelsorger als vor 30 Jahren. Wir haben weniger Priester, aber wenn man die Pastoral- und Gemeindereferenten mitrechnet, dann haben wir nicht weniger Seelsorger. Man muss halt dafür sorgen, dass die eine gut gestaltete Wortgottesfeier machen, wenn wir nicht mehr überall eine Eucharistiefeier anbieten können.

Wortgottesfeiern sind aber gerade sonntags nicht so beliebt.

Das stimmt leider. Dann fahren die Leute woanders hin, um eine Eucharistiefeier zu haben. Die hauptamtlichen Laien, die den Gottesdienst halten, sind frustriert. Da hilft es nur, die Gottesdienste existenziell und spirituell anspruchsvoller zu gestalten. Die Leute wählen, und liturgischen Dilettantismus können wir uns nicht mehr leisten.

Wie kann ein Gottesdienst mehr Ausdruckskraft bekommen?

Zum Beispiel durch eine gründlich durchdachte Predigt. Ich kann mir nicht einfach etwas aus dem Internet holen und das den Leuten vorlesen. Die Worte müssen authentisch sein. Da muss ich als Mensch mit meinem eigenen Glauben rüberkommen.

Was gehört zu einem guten Gottesdienst?

Der Gottesdienst muss aus Sicht der Empfänger gestaltet sein. Gebete müssen auf die konkrete Situation hin formuliert sein. Das ist Arbeit, natürlich. Aber wenn ich nur vorgegebene Gebete und Fürbitten aus dem Messbuch nehme, die da seit 50 Jahren drinstehen: Das zieht einem doch die Socken aus. Das ist diese liturgische, hoheitlich-formalisierte Sprache, die mit unserem Leben und den konkreten Nöten und Problemen nur noch wenig zu tun hat.

Brauchen wir verschiedene Gottesdienste für unterschiedliche Zielgruppen?

Ja, aber nicht in dem Sinne, dass man die Gemeinde fraktioniert. Die Gemeinde sollte als Gemeinschaft erhalten bleiben. Es muss wechselseitige Neugier geben. Wenn parallel eine Kinderkirche angeboten wird, könnten die Kinder sich mit Fürbitte und eigenen Liedern in den allgemeinen Sonntagsgottesdienst einbringen. Ich würde als Priester oder Familienvater auch in einen Gottesdienst gehen, der für Jugendliche und von Jugendlichen gemacht ist, um zu erfahren, wie die ticken, was deren Fragen sind, und wie sie die zur Sprache und vor Gott bringen.

Braucht man immer besondere Gottesdienste, um die Menschen zu berühren?

Spirituelle Verdichtung kann sich auch in einer normalen Eucharistiefeier vollziehen. Dann muss ich Ruhe reinbringen und nicht diese ganze Hektik reproduzieren, die alltäglich sonst so abläuft. Manche Kollegen meinen ja, sie müssten sonntags in 45 und werktags in 25 Minuten durch sein.

Gibt es überhaupt Interesse daran, sich für gute Gottesdienste zu engagieren?

Ich glaube schon. Es gibt ja auch Liturgiekreise, die meist punktuell, zum Beispiel im Advent oder in der Fastenzeit, Gottesdienste vorbereiten. Das ist alles nichts himmelstürzend Neues und trotzdem gut. Aber es muss getan werden.

Die Eucharistie hat für Sie eine ganz besondere Bedeutung.

Das II. Vatikanische Konzil sieht die Eucharistie als Culmen et Fons, Höhepunkt und Quelle, des christlichen Lebens. Wenn ich die abwirtschafte und nur nebenher laufen lasse, dann kommt das heraus, was wir jetzt erleben. Dann werden wir eine sich selber weiter desakralisierende Kirche haben, wo Eucharistie nur noch als Sonderform vorkommt. Wenn Rom sich und seine konziliaren Dokumente selber ernst nimmt, dann ist hier auch in punkto Zulassung zum Priesteramt dringender Handlungsbedarf.

Sie glauben nicht, dass es mit der Kirche immer weiter bergab geht?

Alle scheinen zu meinen, wir sterben sowieso, und machen Palliativpastoral. Der Meinung bin ich überhaupt nicht. Als ich hier ans Institut gekommen bin, da hatten wir eine Auslastung von 32 Prozent, und das Rektorat wollte den Laden dichtmachen. Daraufhin habe ich Dutzende Gymnasien besucht, mit Oberstufenkursen gesprochen, und siehe da: Nach und nach ist die Zahl der Studierenden bei uns wieder angestiegen. Vor fünf Jahren haben wir einen Numerus Clausus einführen müssen, weil wir bei 159 Prozent Auslastung waren.

Wie kann die Qualität kirchlicher Angebote besser werden?

Wir müssen auch in der Kirche die Qualität der Arbeit prüfen. Hier an der Uni gibt es die Studierenden-Evaluation. Wenn ich Mist mache, dummes Zeug erzähle, unpünktlich bin oder den Studenten gegenüber ungerecht, dann kriege ich das aufs Brot geschmiert. Dann steht das in meiner Personalakte. Wo gibt es denn ein angemessenes Qualitätsmanagement in der Kirche? Ich kann ja nahezu machen, was ich will. Kann die Beine hochlegen und den Herrgott einen guten Mann sein lassen. Es kräht kein Hahn danach.

Brauchen wir mehr Engagement bei den Hauptamtlichen?

Es gibt ganz viele Fleißige und sogar Leute, die sich kaputtmachen, aber daneben auch eine beamtete Behäbigkeit, die nur schwer erträglich ist.

Das Gespräch führte Paul Heesel. Es erschien am 28. Februar 2016 in der Ausgabe 9/2016 der KirchenZeitung für das Bistum Aachen.

Birgit Capellmann und Marion Scheins vom Pflegekinderdienst des Sozialdienstes katholischer Frauen in Aachen, Foto: Paul Heesel

Segensreiche Alternative zur Adoption

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„Ein Pflegekind ist eine Lebensentscheidung“, sagt Marion Scheins. „Vielleicht passt das nicht mehr in unsere Zeit“, mutmaßt die Sozialpädagogin vom Pflegekinderdienst des SKF in Aachen über das rückläufige Interesse daran, ein Pflegekind auf Dauer aufzunehmen. Vielleicht spiele auch eine Rolle, sagt ihre Kollegin Birgit Capellmann, dass Familien mit Pflegekindern „öffentliche Familien“ seien: „Da mischt das Jugendamt mit, und auch wir vom Pflegekinderdienst tauchen immer wieder auf. Viele Dinge, zum Beispiel, wenn es um Taufe und Religion geht, müssen mit den leiblichen Eltern abgestimmt werden, zu denen es einen regelmäßigen Kontakt geben soll.“ Schließlich habe jedes Kind ein Recht darauf zu wissen, wo es herkommt, wo seine Wurzeln sind, sagt Marion Scheins.

Pflegekind statt Adoption

Sozialdienst katholischer Frauen sucht Pflegefamilien für Kinder, die nicht bei ihren Eltern leben können. Für ein Pflegekind interessierten sich oft Menschen, die ursprünglich ein Kind adoptieren wollten, berichtet Birgit Capellmann. „Sie haben gemerkt, wie schwierig es ist, ein Kind zu adoptieren, und sie überlegen dann, ein Pflegekind aufzunehmen. Das ist auch völlig in Ordnung.“ Wobei Marion Scheins auch deutlich klarstellt: „Wir suchen Eltern für Kinder und nicht Kinder für Eltern.”

Gleichgeschlechtliche Paare sind auch gefragt

Pflegekinder können auch von Alleinstehenden oder gleichgeschlechtlichen Paaren aufgenommen werden. Wer nach dem Informationsabend (alle zwei Monate) wirkliches Interesse hat, muss zunächst viele Unterlagen vorlegen. Dazu gehören Führungs- und Gesundheitszeugnis, Lebenslauf und ein Überblick über das Einkommen.

Danach besuchen die beiden Sozialpädagoginnen die Interessenten. „Wir wünschen uns“, sagt Birgit Capellmann, „dass das Pflegekind möglichst ein eigenes Zimmer hat, ein gutes soziales Umfeld mit kinderfreundlicher Nachbarschaft sowie Kindergarten und Schule in der Nähe.“ Wenn alles passt, werden die Interessenten zu einer Schulung eingeladen, die sich über mehrere Tage erstreckt.Da sei viel Selbsterfahrung dabei, sagt Marion Scheins. Birgt Capellmann ergänzt: „Wir sehen, wie die Leute auf bestimmte Situationen reagieren.“„Letztlich möchten wir mit den Bewerbern zu einer Vermittlungsvereinbarung kommen“, erklärt Marion Scheins. Darin können Pflegeeltern je nach ihren individuellen Gegebenheiten Angaben machen zum Alter des Kindes, das sie aufnehmen möchten, seine Vorgeschichte und Herkunftsfamilie sowie seinen gesundheitlichen Zustand.

Dadurch soll vermieden werden, dass Pflegeeltern ein Kind bei sich aufnehmen, das sie überfordert oder mit dessen Geschichte sie nicht umgehen können. Birgit Capellmann: „Manche Pflegekinder brauchen besondere Therapien, besondere Zuwendung und besonders viel Geduld und Kraft im Alltag von den Pflegeeltern.“

Aus vollem Herzen

„Paare entscheiden sich für ein Pflegekind“, weiß Birgit Capellmann, „wenn ein Kind wirklich ihr Herzenswunsch ist. Bei der ersten Begegnung mit dem Kind merken wir sehr schnell, ob die Chemie stimmt. Die machen das dann wirklich aus vollem Herzen, kennen die Umstände und wissen auch, dass sie eine öffentliche Familie sind.“ Der enge Kontakt mit dem Pflegekinderdienst, laufende Beratung und Fortbildung sind dann keine Last, sondern werden gern in Anspruch genommen und helfen dabei, ein Kind optimal zu fördern. Marion Scheins: „Wenn ein Kind eine Familie gefunden hat, setzen wir alles daran, dass das funktioniert.“

Der Text ist am 21. Februar 2016 in der KirchenZeitung für das Bistum Aachen erschienen.

Termine der Infoveranstaltungen des Pflegekinderdienstes auf der Webeite des SkF Aachen

Segensworte von Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Religionen im Hospiz am Iterbach, Foto: Hospiz am Iterbach

Hospiz und konfessionelle Enge gehen nicht zusammen

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Das Hospiz am Iterbach entwickelt heilsame Rituale für religiöse und nicht-religiöse Menschen. Die Seelsorger Irmgard Icking, katholische Theologin, sowie Paul Schnapp, evangelischer Pfarrer, begleiten im Hospiz am Iterbach Gäste (so werden die Bewohner hier genannt), Beschäftigte, Ehrenamtler und Angehörige. Sie entwickeln mit ihnen Rituale für eine interreligiöse Spiritualität.

Irmgard Icking, Martina Deckert, Paul Schnapp, Foto: Paul Heesel

Irmgard Icking, Martina Deckert, Paul Schnapp, Foto: Paul Heesel

Ist den Hospiz-Gästen ihre Religion wichtig?
Icking: Die wenigsten sagen, ich bin katholisch, evangelisch oder Buddhistin. Viele bringen eine Spiritualität mit, die nicht religiös gebunden ist.
Schnapp: Und schon gar nicht kirchlich. Wir sind neugierig auf die Spiritualität jedes Gastes, ohne zu werten. Hospizliches Denken und konfessionelle Enge gehen nicht zusammen.

Welche Rolle spielt der Glaube beim Sterben?
Schnapp: Zunächst stehen die Krankheit oder das Wohlergehen von Angehörigen im Vordergrund. Irgendwann kommt die Frage: Was wird mit mir? Werde ich meinen verstorbenen Ehegatten wiedererkennen? Viele haben Angst, dass ihr Glaube sie im Sterben nicht trägt.

Was bedeutet interreligiöse Spiritualität?

Icking: Es geht nicht um Mischmasch, sondern darum, andere Religionen bewusst wahrzunehmen und deren Schätze zu sehen. So entdeckt man auch die eigene Tradition neu.

Zum Beispiel?
Icking: Den Rosenkranz. Dieses meditative Rezitieren gibt es auch in anderen Religionen.

Im Hospiz sollen nicht nur körperliche, sondern auch spirituelle Schmerzen gelindert werden. Was heißt das?
Icking: Es geht um die innere Befindlichkeit der Gäste, um schmerzhafte Gedanken wie: Ich fühle mich verlassen und ich weiß nicht, wie es weitergeht. Manchmal quälen Schuldgefühle oder offene Konflikte.

Schnapp: Im Hospiz sind auch Gedanken und Gefühle erlaubt, die man sich sonst verbietet. Manche Menschen sind froh, dass sie bald sterben, empfinden diesen Gedanken ihren Angehörigen gegenüber aber als Unrecht. Hier dürfen sie das sagen. Unsere Gäste spüren: Ich bin hier wirklich angenommen mit allem, was zu mir gehört, auch mit den Seiten, die ich selbst an mir nicht leiden kann.

Wie gehen die Mitarbeiter mit dem spirituellen Schmerz der Gäste um?
Icking: Jeder, der im Hospiz arbeitet – Pflegende, Hauswirtschaftler, Ehrenamtliche – ist eingeladen, seine eigene Spiritualität zu reflektieren, um für die der Gäste offen zu sein. Wir entwickeln gemeinsam Rituale, um uns gut von den Verstorbenen zu verabschieden.

Wie sehen diese Rituale aus?
Icking: Alle zwei Monate gibt es eine Feier, in der die Namen der zwischenzeitlich Verstorbenen von den Mitarbeitern vorgelesen werden. Jeder kann zu ihnen sagen, was ihn berührt. Symbole sind dabei wichtig. Für jeden Verstorbenen wird ein bunter Stein ausgesucht und in ein Mosaik eingefügt, das im Raum der Stille seinen Ort hat. So geht in der Erinnerung keiner verloren.
Schnapp: Diese Feiern sind auch für die Angehörigen wichtig. Manche können dabei zum ersten Mal trauern und weinen. Das Hospiz ist ein Ort der Trauerbewältigung. Als Seelsorger geben wir Impulse, die helfen, die Schleusen für Tränen und Leid zu öffnen.

Sie laden auch Künstler ins Hospiz ein.
Icking: Ja, bei unseren Wohnküchen-Konzerten. Die jungen Tänzerinnen einer Ballettschule tanzten fröhlich, spürten aber die Gebrochenheit und Bedürftigkeit hier. Anschließend haben sie gesagt: „Das war schwer, aber es war schön.“

Gibt es eine Kapelle?
Icking: Bei uns ist das der Raum der Stille – er ist hell und offen gestaltet. Ein spiritueller Ort für Menschen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften und für Menschen, die sich nicht als religiös verstehen. Wasser ist das zentrale Symbol, das hier wie der „Fluss des Lebens“ als Wasserfall über einen Felsen fließt.

Das Gespräch führte Paul Heesel. Es erschien am 14. Februar 2016 in der KirchenZeitung für das Bistum Aachen.

Fabrice Baumgarten und Hermann Hartong (mit Mundharmonika), Foto: Paul Heesel

Aus Angst allein zu Hause sitzen?

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„Männer sind bei uns eher Mangelware“, sagt Marianne Kuckelkorn (AWO) im Begegnungszentrum Ost in Aachen, wo sich Senioren treffen. „Wir haben immer mehr Männer als Frauen“, entgegnet Jennifer Darkwah vom Jugendbüro im Josefshaus der GdG Aachen-Ost/Eilendorf. Jugendbüro und AWO sorgen im Aachener Ostviertel für Begegnung und Vertrauen zwischen Jung und Alt.

Im Rahmen des neuen Projektes „Menschen begegnen sich in Aachen-Ost“ trafen sich Alt und Jung aus beiden Einrichtungen Ende Januar zum vierten Mal. „Wir haben in letzter Zeit öfter gehört, dass die älteren Menschen hier in der Gegend um die Elsassstraße Angst haben, im Dunkeln vor die Tür zu gehen“, sagt Ferhat Sentürk, 22, der sich im Jugendbüro engagiert. Die Ängste der Senioren waren auch Thema in der Stadtteilkonferenz. „Ich möchte ihnen beweisen, dass hier auch alles richtig nett zusammengehen kann.“

Jung und Alt begegnen sich in Aachen-Ost. Foto: Paul Heesel

Jung und Alt begegnen sich in Aachen-Ost. Foto: Paul Heesel

Im Begegnungszentrum in der Schleswigstraße unterhalten sich die Aachener aus dem Ostviertel angeregt, singen gemeinsam, essen, trinken und erzählen Geschichten aus ihrem Leben. Lächeln, Sympathie und Vertrauen spiegeln sich in alten und jungen Gesichtern. „Das geht doch nicht“, entrüstet sich Marianne Kuckelkorn, „dass ältere Menschen nach Einbruch der Dunkelheit die Rollos runterlassen und nicht mehr vor die Tür gehen.“ Und sie ergänzt: „Jeder kann sagen, was ihm alles nicht passt, aber uns ist wichtig, Gesellschaft zu gestalten.“ Gesagt, getan. Im vergangenen Herbst ist das neue Vorhaben mit Fabrice Baumgarten gestartet worden. Er studiert an der Katholischen Hochschule NRW in Aachen im fünften Semester Soziale Arbeit, absolviert im Josefshaus sein Praxissemester und muss ein Projekt auf die Beine stellen. „Ich finde wichtig, dass sich die Generationen austauschen. Das passiert viel zu wenig.“

Die 90-jährige Maria Pietsch ist sehr angetan von den beiden netten jungen Männern, die sie hier kennengelernt hat. „Da fühle ich mich gleich viel sicherer.“

Die Fürsorge der jungen Menschen kommt gut an

Immer öfter kommt es vor, dass man sich auch auf der Straße im Viertel trifft. Bruno Isse, 21, vom Jugendbüro: „Ich kenne alle hier vom Sehen.“ So wächst Vertrauen und Wohlbefinden in einem Stadtteil, der immer wieder mit Gewalt und Kriminalität in die Schlagzeilen gerät. „Ich war bei allen vier Treffen dabei und finde es angenehm, dass die jungen Männer sehr aufmerksam zu uns sind“, betont Betty Thönnissen, 87. „Wenn wir zeitig Bescheid sagen, dann geht einer mit uns, wenn wir im Dunkeln aus dem Haus wollen.“Die 75-jährige Marlies Klinkenberg stellt kurz und bündig fest: „Hier weht ein frischer Wind.“ Viele der jungen Männer und Frauen im Jugendbüro haben einen Migrationshintergrund, sie selbst oder ihre Vorfahren sind aus einem anderen Land nach Deutschland eingewandert.

Besondere Wertschätzung für ältere Menschen

Daniela Bejan, die sich im Begegnungszentrum engagiert, sagt mit Blick auf die jungen Menschen mit ausländischen Wurzeln: „Man merkt, dass in manchen Kulturen die Wertschätzung gegenüber Senioren besonders groß ist.“ Was als Studienprojekt von Fabrice Baumgarten begonnen hat, soll auf jeden Fall weitergehen. Da sind sich alle einig.

Der Text ist am 7. Februar in der KirchenZeitung für das Bistum Aachen erschienen.

Erich Stier mit Hörgerät

Gottes Wort jetzt klar und deutlich

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„Es gibt Leute, die gehen nicht mehr in die Kirche, weil sie kein Wort verstehen.“ Erich Stier, am rechten Ohr ein großes Hörgerät, steht in St. Michael in Burtscheid und freut sich, dass dieses Problem dort jetzt gelöst ist. Die neue induktive Höranlage wurde in Betrieb genommen.Wer ein Hörgerät mit T-Spule besitzt, versteht jetzt Gottes Wort und die Predigten der Pfarrer Frank Hendriks und Thomas Faltyn klar und deutlich. St. Johann Baptist wurde auch mit der hilfreichen Technik ausgestattet. Die anderen Kirchen in der Pfarrei, Herz Jesu, St. Gregorius und St. Aposteln, haben die Anlage schon. Fast alle Hörgeräte hätten eine T-Spule, erklärt Stier: „Es kann aber sein, dass sie noch von einem Hörgeräteakustiker aktiviert werden muss.“

„Ich wohne seit 40 Jahren in Burtscheid“, berichtet Erich Stier, „aber das mit den Höranlagen hat man in Aachen fast verschlafen. 2012 erzählte mir der Küster von Herz Jesu im Frankenberger Viertel, dass die Leute extra in diese Kirche kommen, weil sie hier so gut hören. Seitdem werbe ich dafür.“ Mit www.induktiv-besserverstehen.de betreibt Stier sogar eine eigene Webseite zumThema.

Beratung für Schwerhörige im Hörgeschädigtenzentrum

Er arbeitet eng zusammen mit Marion Bergk von der Kontakt- und Beratungsstelle für Schwerhörige im Hörgeschädigtenzentrum in Aachen (HGZ). „Wir haben gemeinsam die Pfarrei St. Gregor beraten und einen Stadtplan erstellt, in dem Kirchen und öffentliche Einrichtungen in Aachen mit induktiven Höranlagen verzeichnet sind“, erläutert Marion Bergk.

Weder Hall noch störende Hintergrundgeräusche

Mit Kopfhörern und einem Empfangsgerät kann Bärbel Lefering, Verwaltungsleiterin von St. Gregor, die Technik auch ohne Hörgerät ausprobieren. Sie ist voll und ganz überzeugt. Es gibt weder Hall noch störende Geräusche im Hintergrund. Die Fördervereine St. Johann und St. Gregorius sowie die Stiftung Katholischer Kirchengemeindeverband St. Michael und Herz Jesu haben die Anschaffung finanziell unterstützt.

Der Artikel ist am 7. Februar 2016  in der KirchenZeitung für das Bistum Aachen erschienen.

Bernd Kogel, Suchthilfe Aachen, Foto: Paul Heesel

Neue Lebensqualität dank Führerscheinentzug

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„Der Führerschein steht für mich gar nicht mehr im Vordergrund“, sagt Peter (Name geändert), „sondern die neue Lebensqualität, die mir der Kurs ermöglicht.“ Peter bereitet sich bei der Suchthilfe Aachen auf die MPU vor, die Medizinisch-Psychologische Untersuchung.

2014 war ihm wegen Alkohol am Steuer der Führerschein entzogen worden. Bei der MPU muss er deutlich machen, dass er zukünftig wieder sicher Auto fährt. Die MPU ist kein „Idiotentest“, wie es im Volksmund heißt, sondern eine Kombination von medizinischer und psychologischer Untersuchung. 2014 wurden in Deutschland 91536 MPU durchgeführt. 35,3 Prozent der Teilnehmer fielen durch, müssen weiterhin auf ihren Führerschein verzichten und beim nächsten Versuch wieder die Kosten tragen. Die Gebühren betragen je nach Anlass des Führerscheinentzugs bis zu 750 Euro.

Offen, ehrlich und selbstkritisch sollte man sein

Ist Alkohol im Spiel, kommen noch mehrere hundert Euro für die Abstinenzkontrollen dazu. Peter darf wegen der MPU ein Jahr lang keinen Alkohol trinken, was sechsmal kurzfristig angekündigt kontrolliert wird. „Wer eine MPU bestehen will, sollte sich gut vorbereiten“, empfiehlt Bernd Kogel, Suchttherapeut bei der Suchthilfe.

„80 Prozent fallen bei der psychologischen Untersuchung im Rahmen der MPU durch. Offenheit, Ehrlichkeit und eine selbstkritische Einstellung sind notwendig.“ Das Gespräch mit dem Psychologen dauere 60 bis 75 Minuten. Dabei gehe es nicht um Seelenstriptease oder Psychotricks. Man müsse deutlich machen, dass man sein Leben so verändert hat, dass zukünftig Alkoholfahrten unwahrscheinlich sind.

Was besonders interessiere, seien die Hintergründe, die zum Missbrauch von Alkohol geführt haben. Bei Peter war das der Leistungsdruck, den er seit Kindertagen kennt. „Eine drei auf dem Gymnasium war schon mit Strafaktionen verbunden.“ Später hat er sich den Druck selbst gemacht, beruflich total verausgabt und mit Alkohol „erholt“. „Dabei hätte ich damals das Trinken und die Arbeitsbelastung nie in Zusammenhang gebracht.“ Das ist ihm erst beim Vorbereitungskurs der Suchthilfe aufgefallen.

Hobbys und Selbsthilfegruppe geben Stabilität

Weil er es sich finanziell erlauben kann, wird der Frühpensionär daher zukünftig nicht mehr arbeiten. „Dabei käme es am ehesten wieder zu einem Rückfall.“ Außerdem hat sich Peter neue Hobbys zugelegt: „Makrofotografie, und am Wochenende hole ich einen Hund aus dem Tierheim, immer denselben. Ich spiele wieder Tischtennis, was ich schon dreißig Jahre nicht mehr gemacht habe, und gehe schwimmen.“ Stabilität gibt ihm auch eine Selbsthilfegruppe beim Kreuzbund. „Erst im Vorbereitungskurs ist mir klar geworden, dass ich früher oft alkoholisiert gefahren bin. Ein Weizen oder zwei, drei Kölsch – kein Problem. Ich hielt mein Trinkverhalten für vollkommen normal. Es hatte keine privaten, beruflichen oder finanziellen Auswirkungen. Die Fassade stimmte.“

Der Vorbereitungskurs der Suchthilfe dauert sechs Monate und kostet 750 Euro. Über 90 Prozent der Anwärter bestehen die Prüfung. Interessierte können alle fünf Wochen einsteigen. Vorab muss mit Bernd Kogel (Tel. 0241/41356128) ein unverbindliches Gespräch geführt werden. Kogel ist überzeugt, dass Geld und Aufwand gut investiert sind. „Der Führerschein ist ja nur das Abfallprodukt der Bemühungen. Viel mehr zählt, was man an Lebensqualität und Leistungssteigerung, an klarem Kopf, an Wohlbefinden, neuen Kontakten und Interessen gewinnt.“

Der Artikel ist am 14. Januar 2016  in der KirchenZeitung für das Bistum Aachen erschienen.

Dialog der Religionen 2016, Foto: Paul Heesel

Frei leben, reden, lieben und glauben

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Wenn zum Nachmittagskaffee neben deutschem Apfelkuchen und belgischem Reisfladen auch Schafskäse mit Kürbis nach bosnischem Rezept, türkische Rinderfrikadellen, Quiche und vegetarische Pakor aus Indien angeboten
werden, dann ist in Aachen Friedensmahl.

Zum sechsten Mal trafen sich am 17. Januar 2016 über 150 Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften, aus Politik und Verwaltung sowie Bürger im Ballsaal des Alten Kurhauses, um sich unter dem Motto „Von Fremden zu Freunden“ kennenzulernen. Bürgermeisterin Hilde Scheidt erhielt viel Beifall, als sie mit kräftiger Stimme feststellte: „Wir haben bisher in Aachen jede Pegida, jeden NPDler und jeden AFDler in die Schranken verwiesen, und wir haben das gemeinsam getan!“ Aachen habe durch seine großen Werke Missio und Misereor eine lange Tradition, wenn es darum gehe, andere Kulturen und andere Menschen als Freunde zu betrachten und nicht als Fremde.

Integration und Austausch zwischen Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund

„Das Friedensmahl ist mir wichtig. Ich möchte es selbst erleben“, erklärte Polizeipräsident Dirk Weinspach. „Dass es hier so etwas gibt und dass es hervorragend funktioniert, ist prägend für die Atmosphäre in Aachen. Hier herrscht, was Integration und den Austausch zwischen Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund anbelangt, ein besonderes Klima. Das hilft auch der Polizei.“

Um aus Fremden Freunde zu machen, ist für Abdurrahman Kol, Vorsitzender der Ditib Türkisch-Islamischen Gemeinde, die Arbeit der Gemeinden sehr wichtig. „Als ich 1981 nach Aachen kam, bin ich zuerst in die Moschee gegangen, um zu beten. Da habe ich dann Leute kennengelernt, mein Engagement hat sich weiterentwickelt, und ich bin dann selbst im Dialog aktiv geworden.“

Gerd Mertens vom Büro der Regionaldekane gehört zu den Initiatoren des Friedensmahls. „Es sind immer mehr Leute gekommen. Das zeigt eindeutig, wie wichtig es für unsere Stadt und die Menschen hier ist“, sagte er.

An acht runden Tischen wurde lebhaft diskutiert und lecker gegessen. „Aus Fremden Freunde zu machen, kann richtig Arbeit bedeuten“, berichtete Gehrt Hartjen von „Religions for Peace“ vom Gespräch an Tisch drei, an dem man sich auf den Satz „Gott ist Liebe“ einigte: „Was von Gott kommt, fördert die Liebe, fördert die Einheit, fördert die Eintracht. Wenn etwas für Zwietracht oder Hass ist, dann kann es nicht von Gott, nicht von der Religion kommen.“

 Christen, Sikhs, Bahai, Muslime, Buddhisten, Quäker und eine Atheistin

An Tisch vier diskutierten Christen, Sikhs, Bahai, Muslime, Buddhisten, Quäker und eine Atheistin. Ihre Anregung: „Gemeinsamkeiten herausstellen, Unterschiede akzeptieren, wertschätzen oder zumindest erstaunt zur Kenntnis nehmen.“

Für Tisch sechs berichtete Frank Aheimer (Bahai), dass Religion nur dann etwas Trennendes sei, wenn man nicht über den Tellerrand des eigenen Glaubens hinausblicke. „Wir haben uns als Fremde am Tisch zusammengesetzt und sind schon ein Stück weit Freunde geworden.“

Arabische Christen in Aachen

Syrische Christen an Tisch sieben wandten sich mit einem konkreten Appell an die Gäste: „Wir wollen unsere Gottesdienste in Aachen feiern und unsere arabischen, christlichen Lieder singen. Bitte helfen Sie uns, in Aachen eine arabische Kirche zu gründen.“

„Mein Lieblingspunkt“, sagte Marion Moss von Tisch acht: „Frei leben, frei reden, frei lieben und frei glauben“ und erhielt zum Ende des Friedensmahls sehr viel Applaus dafür.

Der Artikel ist am 31. Januar 2016  in der KirchenZeitung für das Bistum Aachen erschienen.

Dieter Spoo und Martin Pier. Foto: Paul Heesel

Einen ganz langen Atem fördern

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„Unser Einsatz muss einen ganz langen Atem fördern, mit viel Wohlwollen für die schwierige Situation der Frauen, Männer und Kinder, die zu uns gekommen sind“, fordert Pfarrer Josef Voß aus Aachen mit Blick auf Flüchtlinge. Um für diesen langen Atem zu werben, haben sich Voß, Dieter Spoo (Citykirche), Ingeborg Heck-Böckler (Amnesty International) und Martin Pier (Büro der Regionaldekane) Anfang Dezember 2015 gemeinsam an die Öffentlichkeit gewandt. Sie engagieren sich in der Städteregion im Rahmen der Kampagne „Save me – Aachen sagt Ja!“ für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge. Mit Unterkunft und Verpflegung, sagt Voß, sei es nicht getan: „Ich erfahre, dass die Flüchtlinge zum einen sehr froh sind, weil sie gut aufgenommen werden. Zum anderen fühlen sie sich fremd. Sie kennen die Sprache nicht, die Mentalität nicht, die Umgebung nicht, sie kennen nichts und niemanden. Alles muss mühsam erlernt werden. Wir haben viele Ehrenamtler, die sich da super ins Zeug legen.“ Erreichen müsse man aber auch die, „die nicht immer die Sahneschnitten verspeisen können“. Die Geduld bei vielen dieser Menschen nehme ab, meint Voß. Da sei es wichtig, deutlich zu machen, dass unsere Situation nicht vergleichbar dramatisch und lebensgefährlich, entwurzelt und fremd sei.

Augenkontakt zwischen Flüchtlingen und Einheimischen

„Sich auf ganz normaler Ebene, nicht nur bei tollen Vorträgen und Theaterstücken zu treffen, das ist ganz, ganz wichtig“, weiß Ingeborg Heck-Böckler, und Dieter Spoo empfiehlt Augenkontakt zwischen Flüchtlingen und Einheimischen: „Wenn die Leute sich über ihre Ängste unterhalten, und der eine merkt, der andere ist ein Mensch wie ich – mit den gleichen Sorgen und Nöten, dann wird automatisch die Stimmung weicher.“

Ingeborg Heck-Böckler und Pfarrer Josef Voß. Foto: Paul Heesel

Treffen auf ganz „normaler“ Ebene seien wichtig, betont Ingeborg Heck-Böckler, Amnesty International, hier neben Pfarrer Josef Voß. Foto: Paul Heesel

„Wir müssen noch mehr ins Denkgeschäft einsteigen“, wünscht sich Josef Voß mit Blick auf 2016. „Wie wird sich unsere Gesellschaft verändern? Wie können wir den Reichtum besser wahrnehmen, den die Flüchtlinge in unsere Gesellschaft bringen? Da müssen sich kluge Köpfe anstrengen, wie man das in der Öffentlichkeit präsentiert. Da kann auch innerkirchlich noch viel passieren.“

Herausforderung illegale Flüchtlinge

Eine Herausforderung, betont Dieter Spoo, seien die illegal eingereisten Flüchtlinge. „Die lassen sich nicht registrieren, kriegen kein Aufnahmegeld, leben in irgendwelchen Ecken, bei Freunden, bei Bekannten, unter Brücken. Die kommen oft hierher in die Citykirche, sind praktisch obdachlos, leben von dem Geld, das sie auf der Straße kriegen. Das sind nicht zehn oder 20, das sind hier in Aachen 300 oder 400 Leute, die so leben. Das sind Menschen in einer gefährlichen Situation, die eigentlich Hilfe brauchen.“ Genau wie die, sagt Spoo, die in ihrer Heimat Folter und andere fürchterliche Geschichten erlebt hätten. „Da ist unglaublich viel Lebenshilfe nötig, damit die hier überhaupt normal existieren, arbeiten und leben können.“

Der Text erschien am 10. Januar 2016 in der KirchenZeitung für das Bistum Aachen.

Jesaja 43,18

Innovation dank Kirchenschließung?

Paul Heesel No Comments

Bei Jesaja 43,18 heißt es: „Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ Gilt das auch, wenn Kirchen geschlossen werden? Im Bistum Aachen bekommen 117 Kirchen keine Zuschüsse mehr vom Bistum. Die Pfarreien müssen handeln. 14 Kirchen wurden an Baptisten- und orthodoxe Gemeinden verkauft, oder zu Büros und Wohnungen umgebaut. 16 werden anders genutzt, etwa als Grabeskirche, Citykirche oder Gemeindezentrum. Vier Kirchen stehen leer.

Viele Menschen hadern mit dem Verlust ihrer Kirche. Dennoch mache ich mich für die KirchenZeitung für das Bistum Aachen auf die Suche nach innovativen Ideen und Projekten in Gemeinden, denen die Kirche abhanden gekommen ist

In der KirchenZeitung 01 / 2016 (E-Paper-Version) erzähle ich von meiner Suche, bei der ich sogar einen Innovationsevangelisten finde. Der Artikel „Keine Kirche heißt keine Heimat mehr?“ ist hier online zu lesen.