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Die soziale Seite der Demenz

Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer, Theologe und Soziologe, Foto: Paul Heesel

Die soziale Seite der Demenz

Paul Heesel 1 Kommentar

Mit einer „demenzfreundlichen Kommune“ gegen den „Bankrott“ einer Gesellschaft, die im häuslichen Umfeld keinen Platz mehr habe für Menschen mit Demenz: Die soziale Seite der Demenz war Thema eines Vortrags von Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer aus Anlass des zehnjährigen Bestehens des Gerontopsychiatrischen Zentrums am Alexianer Krankenhaus in Aachen. Es kümmert sich um ältere Menschen mit psychischen Erkrankungen. Hier finden Sie die Denkanstöße des Theologen und Soziologen (vom 16. September 2015):

  • Menschen mit Demenz zu Kranken zu machen, sei – „lassen Sie mich das etwas ketzerisch sagen, ein verzweifelter und ängstlicher Versuch von Menschen ohne Demenz, dieses Thema von sich wegzubringen und an die Ärzte abzugeben“.
  • Ein Ort, wie das GPZ, sei zwar notwendig, aber auch Ausdruck eines „gesellschaftlichen Bankrotts“, weil Menschen mit Demenz heute nicht mehr „vor Ort“, also in Familien und Nachbarschaften, leben könnten.
  • Vielleicht habe man im Bereich der Demenz, aus der ein großer medizinisch, pflegerischer Apparat entstanden sei, etwas in Gang gesetzt, von dem man nicht mehr wisse, wie man es abstelle.
  • „Ich bin der festen Überzeugung, dass uns die Demenz mehr über die Gesellschaft sagt, in der wir leben,  als wir im Regelfall wahrzunehmen bereit sind.“
  • In den Menschen mit Demenz komme diese Gesellschaft in gewisser Weise zu sich selbst. Sie seien Symbole für eine Gesellschaft, die sich an nichts mehr erinnere, die so besessen sei von Beschleunigung und Innovation, dass die, die nicht mehr so schnell mitkommen, gewissermaßen ihren eigenen Bankrott erklären müssten.
  • Es gäbe keine Orte mehr, die wärmen. „Nachbarschaft, Familie, soziale Milieus aller Art lösen sich auf und lassen uns als Einzelne zurück.“
  • Der Single sei die Grundfigur unserer Zeit und der Mensch mit Demenz habe diese Grundfigur vollendet, weil er die Verbindung mit anderen radikal gekappt habe.
  • So notwendig der Begriff demenzkrank sein möge, verstelle er vielleicht den Blick darauf, was Menschen mit Demenz mitteilen könnten, wenn sie wahrgenommen werden würden.
  • Demenz sei „vielleicht manchmal auch so etwas wie ein Zusammenbruch angesichts einer Welt, in der man nicht mehr leben will“.
  • Nie habe eine Gesellschaft mit ihren Alten das gemacht, was diese Gesellschaft mit ihren Alten mache. Sie versorge sie finanziell ganz gut, teile ihnen aber unablässig mit, dass alles, was sie erlebt, erfahren, an Erkenntnissen gewonnen haben, jetzt unbrauchbar sei. Das sei die größte Kränkung, die dem Alter von dieser Gesellschaft zugefügt werde, die im Wesentlichen Konkurrenzfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit, Erfolgsorientierung und Geldbesessenheit zu ihren Zentren erklärt habe.
  • Es verschwinde das, was uns zusammenhalte – zugunsten der Vereinzelung. Es fehle uns allen Nachbarschaft und eine Kommune, in der die Bereitschaft da sei, Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen so zu helfen, dass sie solange es irgendwie geht, in ihrem familiären Umfeld bleiben können.
  • „Wenn wir diese große soziale Aufgabe der Sorge für Menschen mit Demenz nur mit Geld und Professionalität angehen, dann scheitern wir.“ Es müsse auch den Weg zurück geben, den Versuch, eine Gemeinschaft vor Ort ins Leben zu rufen. Der „gesellschaftliche Autismus“ sei gefährlich.
  • Von Zentren wie dem GPZ solle auch der Impuls einer demenzfreundlichen Kommune ausgehen.

Plädoyer für eine demenzfreundliche Kommune

Die demenzfreundliche Kommune ist übrigens ein Ansatz, den auch das GPZ am Alexianer Krankenhaus unterstützt. Es hat sich zum Ziel gesetzt, für eine gute und individuelle Versorgung von älteren Menschen in ihrem häuslichen Umfeld zu sorgen. Mehr dazu demnächst in der KirchenZeitung Aachen.

1 Kommentar

DGKP HANNES RÖBLREITER

Oktober 7, 2015 at 9:12 pm

Zu meinem Glück darf ich auf eigenen Wunsch nach 40 Jahren im Krankenhaus mit seiner zerstörerischen Eigendynamik noch die Erfahrung bei der 24-Stunden-Pflege bei einer dementen Dame erfahren – kann die Punkte im Referat nur unterstreichen !!!

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